«Beobachter»: Eine Ferienromanze

Für den Sommer suchte der «Beobachter» nach Ferienromanzen. So entstand ein persönliches Stück darüber, wie Michael Küng in Italien die bildhübsche Pauline kennengelernt und kurzer Hand beschlossen hat, nach Frankreich weiterzureisen. So konnten sie weiter an ihren Zigaretten und Träumen drehen, wenigstens eine Woche lang.


 

Pauline – deine Augen sind blau wie der Himmel

Ich war 17. Sie 16. Lange, hellbraune Haare. Ein weiches, schnelles Französisch, um sie herum vier Jungs, die sie abwechselnd in ein Gespräch zu verwickeln suchten. Ferien mit Freunden auf Elba.

Nach einem Moment der Überwindung fragte ich sie, ob ich mir von ihrem Tabak eine Zigarette drehen darf. Dann waren wir allein. Und aus einer wurden sehr viele Zigaretten.

Wenn wir miteinander diskutierten, sah sie ein bisschen aus wie Julia Jentsch. Bei Wasser, Früchten und Tabak erzählten wir uns von unserer Ratlosigkeit. In Frankreich zeichnete sich gerade eine Präsidentschaftswahl ab zwischen einem Republikaner, der soziale Brennpunkte «mit dem Hochdruckreiniger» be­arbeiten wollte, und einer Sozialistin, die sich die Prügelstrafe wünschte.

Ruckzuck ists Poesie

Wir wollten beide Journalisten werden. Ich der um die Welt reisende Reportagenschreiber, sie die Polit­journa­listin im Kampf gegen die extreme Rechte. «Ils re­viennent», meinte sie. Da beschloss ich, dass sie sehr scharfsinnig sein musste.

Auf ihrem Discman hörten wir die immer selbe CD (Tryo, «Grain de sable»). Mit meinem Sackmesser schnitzten wir eine Strophe in den Holztisch.

Schön war, dass das Französische alle kitschigen Dinge erlaubte, die Teenager so sagen. Was auf Deutsch nach Vujo klingt, wird ruckzuck zur Poesie.

Deine Augen sind so blau wie der Himmel. Würg.

Tes yeux sont bleus ­comme le ciel. Oh, là, là!

Unsere kleine Schnitzerei verwandelte sich ohne unser Zutun in ein Sammelsurium kleiner Kunstwerke. Nach fünf Tagen war unsere Zeit auf Elba vorüber und der Tisch fast voll. Wir fanden ihn viel schöner so.

Wieder zu Hause, besorgte ich mir für eine Woche einen Ferienjob und kaufte ein Ticket nach Lille. Pauline wurde zum ersten Mal seit vielen Jahren «krank» und konnte «leider» nicht mit ihrer Familie in den Süden reisen. So drehten wir bei ihr zu Hause, irgendwo auf dem Land, weiter an unseren Zigaretten und Träumen, wenigstens eine Woche lang. Abends sah sie ein bisschen aus wie Brigitte Bardot.

In der Zeitmaschine

«Mami, was kostet so ein Telefonat nach Frankreich, ist das sehr teuer?»
«Neeein, nein, das kostet kaum mehr als Inland.»

Ich unterdrückte den Impuls, das zu googeln. Pauline und ich plauderten und träumten also vor uns hin, ­erzählten uns aber fast nichts mehr aus unseren Leben. Das Gespräch sollte unsere kleine Zeitmaschine sein, für die Raum keine Variable war. Doch meist waren wir eben an verschiedenen Orten, und irgendwann waren wir auch im nächsten Jahr und beim letzten Gespräch.

«Mickaël, nous ne pouvons plus téléphoner.» Jahre später stolperte ich in den Unterlagen der Familie über alte Telefonrechnungen.

Rechnung für Juli 2006: Fr. 38.60. Rechnung für August 2006: Fr. 573.30. Mami hat nie etwas gesagt. Ich glaube, sie mochte Pauline auch.

Tes yeux sont bleus comme le ciel. Hihi.

Die komplette Serie mit allen Beiträgen gibt es auf beobachter.ch

Projekt
Auftragsart
Text, Erzählung
Auftraggeber
Beobachter
2017-07-11T19:07:04+00:00